Samstag, 22. Mai 2010, Hamburg

PARASITES#3: ONDREJ BRODY & KRISTOFER PAETAU

Ondrej Brody & Kristofer Paetau sind Konzeptprovokateure mit Sinn fĂĽr Humor. Ihre Arbeiten knallen im Kopf wie Sektkorken. Sie dekonstruieren ĂĽberkommene Moralvorstellungen, machen auf soziale Missstände aufmerksam und treiben den Kunstzirkus ad absurdum. “Jede gute Kunst hat etwas Unberechenbares”, hat Paetau in einem Interview gesagt.

Ăśberrascht war wahrscheinlich auch der Kurator Jan Van Woensel, der das Duo zu einer spontanen Intervention einlud. Als Dank banden sie Woensel während der Vernissage an einen Pfosten, zogen ihm die Hose herunter und leckten seinen Po (“Licking Curator’s Ass”, 2005).

Und während der Berliner Kunstmesse “Art Forum” bekam Paetau sogar einen Ăśbelkeitsanfall – und musste sich minutenlang an einem Messestand erbrechen (“Art Forum Accident”, 2005). Eher fein und subtil ist die kurze Videoarbeit von Brody: “A visit to a mosque”, 2004. Sie zeigt seinen Besuch bei einer Berliner Moschee. Man sieht den Vorraum mit den Regalen, in denen die muslimischen Gläubigen ihre Schuhe aufbewahren. Langsam, Paar fĂĽr Paar, werden die Schuhreihen abgefilmt, innen hört man leise den Imam beten – und dann endet die Kamerafahrt schlieĂźlich auf einem Paar amerikanischer Cowboystiefel, die vor dem Regal stehen, weil sie aufgrund ihrer Größe gar nicht hineingepasst hätten. Ein schönes Spiel mit falschen Fährten, Stereotypen und eigenen Klischees.

“Diese KĂĽnstler haben einfach keine Fantasie”

Oder: “Re-Institutionalize#01: Salon Picasso”, 2004. FĂĽr sein Projekt zeigte Paetau zehn Zeichnungen, die Grundschulkinder von Picassozeichnungen gemacht hatten. Er kopierte diese Zeichnungen und stellte sie dann in einem tĂĽrkischen Friseursalon aus, der “Salon Picasso” hieĂź. Der Clou dabei: Die Kunstszene wurde darĂĽber gar nicht informiert. Paetau parodierte damit nicht nur typische Kunstorte (“Jede Snackbar hat das Potenzial eine Kunstinstitution zu sein”, sagte er), sondern attackierte in einem Abwasch auch noch gleich die Klassikern der Kunstgeschichte (“Die Originale wurden so völlig unwichtig”). FĂĽr ihre Hommage an Edouard Monets Bild “Le DĂ©jeuner sur l’Herbe”, 2006, luden sie vier tschechische Pornodarsteller ein, die die FrĂĽhstĂĽcksszenerie nachspielten, Camembert und Mousse au Chocolat aĂźen und während des Akts immer wieder französische Sätze wie “Diese KĂĽnstler, sie haben einfach keine Fantasie” vor sich hinstotterten. Eine der radikalsten Arbeiten war aber sicherlich “DogCarpets”, 2007. Um die WidersprĂĽche und falschen Moralvorstellungen in Bezug auf Haustiere und Jagdfetische aufzudecken und zu illustrieren, lieĂźen sie kurzerhand drei Hunde und eine Katze ausstopfen – und zu Bettvorlegern verarbeiten.

Als Zuschauer fĂĽhlt man sich wie bei einem Nahkampf mit Nelson Muntz, dem Schulschläger der Comicserie “Simpons”: Ständig bekommt man ein Bein gestellt – und wird mit einem hämischen “Haha!” verlacht. Wieder verfĂĽhrt und reingefallen, wieder ertappt und provoziert. Man muss nur wieder aufstehen und mitlachen können – dann kann man an den absurden und grotesken Kunstinszenierungen verdammt viel SpaĂź haben.

FĂĽr die Ausstellung “PARASITES#3″ werden Ondrej Brody & Kristofer Paetau im Mai eine neue Arbeit in Hamburg inszenieren.

Biographie

“Das neodadaistische KĂĽnstlerduo Brody/Pateau untersucht groteske Aspekte der institutionalisierten Kunstwelt und Phänomene der Kunstproduktion. Ihre Belange und Ziele sind elementar: die alltägliche Ethik wird zur Quelle eines thematisch ähnlichen Vokabulars. Ausgangspunkt und Basis der Erkundung ist Verhaltenspsychologie, beeinflusst oder provoziert durch die äuĂźerlichen Aspekte des Lebens und der Politik. Changierend zwischen Gebrauch und Missbrauch, fortgeschrittener Manipulation und kalter, unantastbarer Erfassung von absurder Wirklichkeit, ist ihre Arbeit kritisch und in ihrer Bestrebung, die Pathologien und die versteckte Normalität der zwischenmenschlichen Beziehungen aufzudecken, aufrichtig.” (kunstaspekte)

Ondrej Brody

1980 in Prag geboren, verbrachte seine Jugend in Ecuador. Sein Kunststudium begann er in Kuba, ging dann aber wieder zurück nach Prag und besuchte dort die Academy of Fine Arts in Prag. Weitere Stationen waren die Universität der Künste in Berlin, das Higher Institute for Fine Arts in Antwerpen, das PROGR_Zentrum in Bern, die KulturKontakt Residency in Wien sowie das De Ateliers in Amsterdam.

Kristofer Paetau

1972 im finnischen BorgĂĄ geboren, zog mit 13 Jahren mit seiner Familie nach Paris und studierte Kunst an der französischen Universität Ecole Nationale SupĂ©rieure d’Arts in Cergy, danach war er MeisterschĂĽler von John M. Armleder an der Hochschule fĂĽr Bildende KĂĽnste in Braunschweig. Es folgten weitere Stationen in Nantes und Antwerpen.

www.brodypaetau.com
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